Probleme mit den Burgbernheimer Chroniken
Vorbemerkung
Der
Wert der gedruckten Burgbernheimer Chroniken ist stark eingeschränkt, da sie
mit unhaltbarem pseudohistorischem Ballast durchsetzt sind.
Die Ursache liegt darin, dass die Chronisten aus gefälschten Privilegienurkunden
schöpften, die zu Beginn des 17. Jh. in Burgbernheim auftauchten.
Sie sollten dem Ort und den Fälschern Vorteile verschaffen. In diese Urkunden wurde viel fantastisches Beiwerk
gepackt, das die Chronisten mehr oder weniger unkritisch
übernommen haben, obwohl bereits 1817
die Quellen als
Fälschungen erkannt waren.
Wenn
also in den genannten Chroniken "die Privilegien" als Quelle genannt
werden, so sind Zweifel angebracht.
Mehr
zu den gefälschten Privilegienurkunden
Chroniken
Verbreitetes Standardwerk ist das „Heimatbuch“,
genauer Titel: "Burgbernheim, ein Heimatbuch von der
Frankenhöhe" von Oberlehrer Hupfer aus dem Jahr 1931, das dank
regelmäßiger Nachdrucke auch heute noch erhältlich ist.
Hupfer hat mit enormem Fleiß die verfügbaren Geschichtsquellen aufbereitet,
hat sich auch mit den mindestens seit 1817 bekannten
Urkundenfälschungen auseinander gesetzt, versucht aber dennoch ihre Inhalte zu
verteidigen.
Dr. Kurt Zeillinger vom Österreichischen Institut für
Geschichtsforschung, der mit seiner 1937 erschienenen Arbeit
"Die
Burgbernheimer Fälschungen" die letzten Zweifel ausgeräumt hat,
urteilt über das Heimatbuch: ... so wertvoll dieses mit warmer Heimatliebe
geschriebene Buch auch sein mag, so ist sein historischer Teil durch die
unterbewusste Ignorierung des Wortes der Wissenschaft und unkritische Benützung
des Quellenmaterials wertlos.
Hupfer geht ausführlich auf die Privilegien ein und
setzt sich mit den damals bekannten Kritiken auseinander, die er aber mit
pathetischen Worten letztendlich zurück weist.
Hier
können Sie das Heimatbuch herunter laden (PDF, 372 Seiten, 12.6 MB!)
Mittler
dieser zweifelhaften Aussagen war Superintendent Marcus Friedrich Schmidt
mit seiner handgeschriebenen Burgbernheimer
Chronik von 1744-1750. Sie diente den
späteren Chronisten als Quelle. Früher in der Klosterbibliothek
Windsheim aufbewahrt, kam sie 1954 nach Burgbernheim und liegt im Stadtarchiv.
Sie umfasst rund 1730 Seiten und beginnt
kurz nach Adam und Eva. Anno 171 n. Chr. tritt dann Burgbernheim in die
Weltgeschichte ein, und zwar mit einem Turm auf dem Schlossberg . So
interpretiert Schmidt eine Aussage in der gefälschten Urkunde Kaiser Lothars
III. von 1128 über die Ortsgründung durch den römischen Kaiser Marc
Aurel. Schmidt wurde 1744 nach Burgbernheim versetzt und fühlte
sich berufen, im gleichen Jahr mit der Burgbernheimer Chronik zu beginnen. Dass
es sich bei seinen Quellen zum Teil um Fälschungen handelt, hat er sicher nicht
gewusst. Auch Hupfer (s.o.) äußert sich kritisch über den Wert dieser
Chronik, konnte aber ihre Irrtümer nicht aufklären. Ebenfalls auf Schmidt geht
die verbreitete aber unzutreffende Beschreibung der Burgbernheimer Kirchenburg zurück.
Zeitlich zwischen Schmidt und Hupfer erschienen
nachfolgende Chroniken:
-
1841 die Geschichte des
Marktes Burgbernheim von Pfarrer Schirmer, Windsheim, als Beilage zum
11. Jahresbericht des historischen Vereins in Mittelfranken. Eine sachliche
Abhandlung, die leider in Burgbernheim keine Verbreitung fand. Schirmer geht
in der Vorrede ausführlich auf die damals schon bekannten Fälschungen ein,
übernimmt aber doch zum Teil deren Inhalte.
Digitalisiert bei Google-Books
(18 Seiten)
-
1844 die Chronik des
Marktfleckens Burgbernheim von Pfarrer P.C. Nörr. Von ihr sind
noch einzelne Exemplare vorhanden. Nörr bezieht sich auf die Burgbernheimer
Chronik von S.F. Nusch aus Rothenburg, M. Schnizzers Chronik der Stadt
Neustadt und Pfarrbücher. Nörr erwähnt kurz den Verdacht von
Fälschungen, übernimmt aber doch deren Inhalt.
Digitalisiert bei Google-Books
(153 Seiten)
-
1889 die Neue Chronik des Marktes Burgbernheim von
Ulrich Emmert (Großonkel des Autors dieser Seiten).
1907 war die
erste Neuauflage fällig, der letzte Nachdruck erschien 1994. Alle Inhalte
der Privilegienurkunden sind zu finden, vom Verdacht auf Fälschungen
liest man kein
Wort. Ein unterhaltsames Lesebuch.
Pseudohistorisches
Hier eine Auswahl der gravierendsten
Irrtümer.
Themenkreis:
Burg, Bergschloss, Ortsgründung,
zerstörte St. Johanniskirche ...
Glaubwürdig belegt: In
zwei Urkunden des Jahres 1000 wird neben dem Dorf
(villa) eine Burg (castellum) Berenheim
erwähnt. (In den glaubwürdigen Geschichtsquellen gibt es
keine weitere Erwähnung
dieser Burg!)
Sage 1:
Der angeblich von
König Lothar III. 1128 ausgestellten
Urkunde ist u.a. zu entnehmen, dass Burgbernheim im Jahr 171 n.Chr. vom
Römischen Kaiser Mark Anton(?) (Aurel) gegründet wurde, vormals Schönberg
geheißen, und von Kaiser Karl dem Großen die Blutgerichtsbarkeit erhalten hat.
Interpretation Superintendent
Schmidt (1744):
Im Jahr 171 wurde auf dem Schlossberg
ein Turm errichtet wider die Quaden und Markomannen. Dieser Turm wurde
später zu einer Burg, bzw. einem Schloss erweitert: das Bergschloss auf dem Schlossberg,
das für Schmidt mit dem im Jahr 1000 erwähnten castellum Bernheim identisch
ist. Zu dieser Spekulation haben ihn die dortigen vorgeschichtlichen Wälle
verleitet. Das Schloss soll im
Jahr 999 von einer Gräfin Hutte bewohnt gewesen sein (die Edeldame Uta aus der echten Urkunde
vom 1. Januar 1000! Die Namensveränderung Uta > Hutte geht auf
den Würzburger Chronisten Lorenz
Fries (1489-1550)
zurück). Nach Schmidt soll das Bergschloss 1381 von den Rothenburgern zerstört
und 1388 von den Windsheimern "rasiert" worden sein. Letzteres schreibt Schmidt
ohne seine Quellen zu nennen. Die Rothenburger und Windsheimer Chroniken
schweigen darüber, während sie sich mit der Zerstörung anderer Burgen um diese Zeit
nicht zurückhalten.
Sage 2:
In einer weiteren gefälschten Urkunde, angeblich im Jahr
1308 vom Würzburger Bischof Gottfried III. ausgestellt, berichtet dieser, in
seiner Kanzlei seien alte Pergamente aufgefunden worden, die besagen, dass
anno 755 eine Burg Schönburg „ober dem Markt“ erbaut und
804 vom Grafen von Rothenburg zerstört wurde. Anno 992 seien vom Grafen Bernhard zu Rothenburg, dem späteren Bischof von Würzburg,
zwei Wallkirchen erbaut worden, eine anstelle der Burg, zu St. Wolfgang
genannt, die andere außerhalb des Marktes, zu St. Kunigund. Der Ort hieß nun
nicht mehr Schönberg, sondern Burgbernheim, nach dem Namen des Bischofs.
Für
Superintendent Schmidt war diese Schönburg die noch erhaltene Kirchenburg. Er
schreibt: " ...die Burg, darinnen dermalen die St. Johanniskirche
steht ...“. Damit will er offensichtlich zwischen Kirchenburg und dem
von ihm erfundenen Bergschloss auf dem Schlossberg unterscheiden. Da die
Kirchenburg aber noch erhalten war, musste es wohl die St. Johanniskirche
gewesen sein, die der Graf von Rothenburg zerstört hat. Schmidt recherchierte
den Namen des Rothenburger Grafen: Er soll Megingaudus geheißen und von 790-794
regiert haben. Der Würzburger Bischofschronist Lorenz Fries bezeichnet den 2. Würzburger Bischof
Megingaud/Megingoz (753-768) als Graf von Rothenburg . In den Rothenburger Chroniken treten die Grafen von
Rothenburg-Komburg erst Jahrhunderte später in Erscheinung.
Tatsache
ist die einstige Existenz der beiden Kapellen, St. Gangolf (Wolfgang) auf dem
Kapellenberg und St. Kunigund neben der Landstraße nach Steinach.
Hupfer,
dem bei Schmidt verschiedene Widersprüche aufgefallen sind, bezweifelt eine Zerstörung der
St. Johanniskirche. Er glaubt auch nicht an einen Zusammenhang zwischen der
"Schönburg" und der Kirchenburg und lässt Kritik an der
Zuverlässigkeit der Schmidtschen Chronik erkennen. Seine Schwierigkeiten liegen
darin, dass er den Inhalt der Privilegienurkunden als Evangelium betrachtet,
obschon er (1931) bereits von ernsthaften Zweifeln an deren Echtheit wusste.
Hupfer beschreibt sogar eigene Beobachtungen (Grundmauerreste), die für eine
ehemalige Burg auf dem Kapellenberg sprechen. Sollte das stimmen, dann war es leider nicht die
sagenhafte "Schönburg", sondern das castellum des Jahres 1000! Dieses
castellum war auch für Hupfer identisch mit dem von Schmidt erfundenen Bergschloss
auf dem Schlossberg.
Steigerung
der Verwirrung
Laut
Schmidt und Hupfer wurde das Bergschloss nicht nur einmal, sondern dreimal
zerstört, dazwischen natürlich jedesmal wieder aufgebaut! Schmidt schließt
dies daraus, dass in Burgbernheim stets (grund-)herrschaftliche Vögte waren,
die natürlich in einem Schloss residieren mussten. Nach der ersten Zerstörung
1381/88 soll es 1434 wieder bewohnt gewesen sein weil in jenem Jahr eine Frau de
Bernheim erwähnt wird! Endgültig soll es 1553 im
2. Markgrafenkrieg zerstört worden sein. Damals wurden zwar einige Schlösser in der
Umgebung (z. B. Hoheneck) zerstört. Für die Zerstörung eines Schlosses bei
Burgbernheim sind keinerlei Belege vorhanden. Das dürfte der Fantasie des Herrn
Superintendenten entsprungen sein.
Schlussbemerkungen
zum Bergschloss auf dem Schlossberg:
Ausgangspunkt
für die Spekulation waren für Schmidt die dortigen vorgeschichtlichen
Erdwälle.
Außer diesen gibt es auf dem Schlossberg keine Anzeichen für
eine abgegangene Burg. Von dieser müssten doch Spuren im Boden zu
sehen sein,
auch wenn Grundmauern später ausgegraben worden wären. Das
Burgbernheimer
"Bergschloss" wäre sicher die einzige Burg, die im hintersten Wald
versteckt wurde! Burgen und Schlösser beherrschten sichtbar die
Untertanen!
Der
Name Schlossberg ist vermutlich erst später entstanden. In alten Katasterkarten
heißt die Waldabteilung noch "Alte Wette" (Alte Weth). Der
Namensbestandteil "Schloss" steht auch andernorts oft in
Verbindung mit etwas Geheimnisvollem, Alten. (Z.B. Waldabteilung "Altes
Schloss" bei Hornau, wo sich ein mittelalterlicher Turmhügel
befindet.)
Die Erfolgsstory "Wildbad"
Auf gefälschte Urkunden ist auch die Erfolgsgeschichte des
Wildbads mit seinem heilsamen Wasser zurückzuführen:
So befreit
Kaiser Karl IV. 1343 "das von Gott
gesegnete Wildbad", dessen Wasser er zur Abwehr des Magengrimmens genossen
hat. Auch Kurfürst Albrecht Achilles privilegiert 1485 das heilsame und
segensreiche Wildbad, dessen Wasser er vor zwei Jahren zur Verwehrung des
Lendensteins und der Gelbsucht genossen hat.
Bei diesen Referenzen konnte der Erfolg nicht ausbleiben:
im 18. Jahrhundert wurde es von der markgräflichen Familie und der Königin von
Polen und weiteren Adligen besucht, das heilsame Wasser wurde Exportschlager.
Eine
bereinigte und um neuere Erkenntnisse ergänzte Darstellung der Ortsgeschichte
bietet das im Jahr 2008 erschienene Buch "Burgbernheim
- Orts- und Häusergeschichte bis ins 21. Jahrhundert"
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